Die Kunst „Nein“ zu sagen

Die Kunst „Nein“ zu sagen

Vermutlich werden einige von euch diese Situation kennen: Ein Kunde ruft an und möchte dich für ein Shooting engagieren. Schon beim ersten Gespräch am Telefon hast du ein komisches Bauchgefühl. Irgendetwas stimmt hier nicht.

Dieses miese Gefühl in der Magengegend

Aber hey, du hast sicherlich nur einen schlechten Tag, denkst du dir. Daher nimmst du den Auftrag an. Im besten Fall löst sich das eigenartige Bauchgefühl in Wohlgefallen auf. Der nächste Kontakt mit dem Kunden ist wesentlich besser, das Shooting läuft im Endeffekt auch super, es entstehen tolle Bilder und dein Kunde und du seid zufrieden.

Doch manchmal wäre es von vornherein besser gewesen, wenn du auf dein Bauchgefühl gehört hättest. Die Shooting-Vorbereitungen sind zäh und die Kommunikation mit dem Kunden ist schleppend. Aus dem miesen Bauchgefühl wird eine arge Befürchtung. Am Tag des Shootings sitzt du im Auto, fährst an den Treffpunkt und merkst, dass du heute gar nicht so locker bist wie sonst. Eigentlich hast du gar keine Lust auf den Auftrag, würdest lieber umdrehen und nachhause fahren.

Aber du bist ein Profi und ziehst deinen Auftrag durch. Beim Durchschauen der Bilder fällt dir auf, dass sie wenig emotional sind – es kommt nichts rüber. Wie sollst du auch emotionale Bilder von einer Person oder einer Situation machen, mit der du eigentlich nie auf einer Wellenlänge warst, die du ehrlich gesagt ziemlich unsympathisch findest?

Diese negative Grundstimmung schlägt sich auf die Bilder nieder und das merkt natürlich auch der Kunde. Es gibt viele Nachbearbeitungen. „Hier gefällt mir das nicht. Kannst du das nochmal so oder so machen.“ Zum Schluss kommt der Super-Gau: Es wird am vereinbarten Preis genörgelt und nachverhandelt. Und was genau, außer schlechter Stimmung und schlechter Bilder, hat dir dieser Auftrag nun gebracht? Nichts.

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Wir alle wollen zufriedene Kunden, aber nicht um jeden Preis

Das miese Bauchgefühl ist nichts anderes als Intuition. Intuition ist das Ergebnis von Erfahrungswerten, sie schärft unser Unterbewusstsein und meldet sich, sollten wir einmal wieder in eine Situation kommen, die uns nicht gut getan hat. Wie stark Intuition ausgeprägt ist und wann wir auf sie hören und wann nicht, ist von Mensch zu Mensch verschieden.

Wir Fotografen hören aber nicht immer auf unsere Intuition. Vermutlich ist der Grund dafür recht banal: Fotografie ist eben nicht nur unsere Leidenschaft, sondern auch unser Job. Wir verdienen damit Geld. Und einen Auftrag abzulehnen, der vielleicht mehrere hundert Euro bringt, ist rational betrachtet, nicht einfach.

Aber es ist halt auch unsere Aufgabe, unsere Kunden mit den Bildern, die wir machen, zufrieden zu stellen. Fotografie ist Kunst und Kunst lebt von Emotionen. Am Ende jeden Auftrags möchte ich, dass sich der Kunde mit mir wohlgefühlt hat, ihm die Bilder gefallen und ich das Shooting in guter Erinnerung behalte.

Der Kunde ist König?

Warum fällt es vielen Fotografen denn nun so schwer, einen Auftrag abzulehnen und auch mal nein zu sagen? Es gibt Kunden bei denen es einfach nicht passt und das ist völlig okay! Es ist sogar nur fair, einen Auftrag abzulehnen, bei dem du dich schlecht fühlst. Denn ein unzufriedener Fotograf hinterlässt im schlechtesten Fall einen unzufriedenen Kunden mit nicht zufriedenstellenden Bildern.

Ein Satz hat mich während einer meiner Ausbildungen geprägt und er könnte die Angst vorm „Nein“ erklären: „Der Kunde ist König.“ Doch ist er das wirklich? Muss ich mir alles von einem Menschen gefallen lassen, nur weil er „König Kunde“ und ich Dienstleister bin? Nein, sicherlich nicht. Will ein Kunde königlich behandelt werden, soll er sich auch königlich benehmen. Obwohl, eigentlich muss er sich nicht einmal königlich benehmen, nur einen höflichen, sozialen Umgangston pflegen. Das kann er oder sie von mir erwarten und das erwarte im Gegenzug auch.

Ein diktatorischer „Meckerkopp“ – wie wir im Norden sagen – der deine Arbeit scheinbar besser kennt und besser bewerten kann als du selbst und der nie und nimmer den Preis zahlen will, den du aufrufst, hat es nicht unbedingt verdient, wie ein König oder eine Königin hofiert zu werden. Wieso hat der Kunde dich überhaupt angefragt, wenn er doch eigentlich so viel an deiner Arbeit auszusetzen hat?
Unter solchen Voraussetzungen ist ein höfliches und bestimmtes „Nein“ besser für alle Beteiligten. Der Kunde muss nicht mit schlechten Bildern leben und du als Fotograf erhältst dir dein mentales Wohl und ersparst dir eine Menge unnötigen Stress.

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Wann man einen Auftrag absagen sollte

Wann genau du einen Auftrag lieber ablehnen solltest, lässt sich pauschal nicht sagen. Jeder Fotograf und damit auch jeder Mensch hat seine ganz persönliche Schmerzgrenze. Es gibt kein Patentrezept für ein Bauchgefühl. Ich stelle immer folgende Fragen, um zu entscheiden, ob ich einen Auftrag annehme oder ihn doch lieber ablehnen sollte:

Passt der Auftrag in mein Portfolio?

Jeder Fotograf entwickelt im Laufe seiner Arbeit ein gewisses Portfolio; ein Steckenpferd, mit dem er sich besonders gut auskennt und mit dem er sich wohlfühlt. Einige lieben Portraitfotografie, andere spezialisieren sich beispielsweise auf Hochzeiten oder haben ein Faible für Avantgarde-Fotografie. Je breite man sein Portfolio streut, desto seltener kommt es vor, dass man einen Auftrag nicht bedienen kann. Diese Frage kann ich persönlich in den meisten Fällen mit „Ja“ beantworten.

Habe ich (persönliches) Interesse an dem Auftrag?

Die Frage nach dem persönlichen Interesse an einem Auftrag kann man noch einmal teilen. Wenn die Anfrage in mein Portfolio passt, habe ich automatisch auch Interesse daran. Möchte eine zukünftige Braut, dass ich ihre Hochzeit begleite, dann interessiert mich der Auftrag. Denn Hochzeiten zu fotografieren passt in mein Portfolio und macht mir Spaß.

Wenn die Anfrage nicht direkt in mein Portfolio passt, dann wäge ich ab, ob er mich dennoch irgendwie interessiert oder reizt und ich mir vorstellen kann, das Projekt umzusetzen. Vielleicht erweitert die Anfrage neben meinem Portfolio auch meine Sichtweisen. Neue Wege zu gehen ist ja grundsätzlich erst einmal gut und eine gewisse künstlerische Neugier sollte man als Fotograf schon haben, finde ich. Daher kann ich auch diese Frage meistens bejahen.

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Haben der Kunde und ich die gleichen künstlerischen Vorstellungen von meiner Dienstleistung?

Die ersten beiden Fragen waren die softeren. Nun wird es etwas schwieriger, denn ab hier zeigt sich das erste Mal so richtig, ob der Kunde und ich auf einer Wellenlänge sind. Hier achte ich auch das erste Mal darauf, WIE der Kunde mit mir spricht und ob wir eine zwischenmenschliche Basis haben. In den meisten Fällen passt es. Es gibt selten Situationen, in denen der Kunde so abgedrehte und absurde Vorstellungen hat, dass ich sie nicht umsetzen kann oder möchte.

Habe ich aber das Gefühl, dass wir ständig aneinander vorbeireden und lässt sich der Kunde überhaupt nicht auf meine Art zu arbeiten ein, dann lehne ich den Auftrag lieber ab. Ich will mich nicht künstlerisch verbiegen müssen, nur um einen Kunden bedienen können zu müssen.

Haben der Kunde und ich die gleichen finanziellen Vorstellungen von meiner Dienstleistung?

Nun geht es an’s Eingemachte: das liebe Geld. Der Großteil meiner Kunden sind wirklich tolle Menschen, die ich gern fotografiert habe. Sie wissen und wussten meine Arbeit auch finanziell zu schätzen und es gab keine Diskrepanzen. Ob und welchem Rahmen Fotografen über ihre Preise verhandeln, ist ansichts- und ermessenssache. Grundsätzlich ist gegen Preisverhandlungen nichts einzuwenden.

Es sollte aber keine Basar-ähnlichen Ausmaße annehmen, bei denen um jeden noch so kleinen Cent geschachert und gestritten wird. Wenn ein Kunde einen billigen Fotografen will, dann kriegt er auch entsprechend billige Fotos. Qualität halt hat ihren Preis und wenn ich merke, dass es einem Kunden eher darum geht, möglichst günstige statt möglichst schöne Fotos zu bekommen, dann lehne ich den Auftrag ab. Ich habe einen gewissen Anspruch an meine Arbeit und meine Bilder und wenn der Kunde nicht bereit ist, dies entsprechend zu honorieren, dann soll er Onkel Willi fragen, ob der nicht die Bilder von der Familienfeier machen kann.

Je mehr Fragen ich mit einem „Nein“ beantworte, desto wahrscheinlicher ist es, dass ich die Anfrage des Kunden ablehnen werde. Gleiche Vorstellungen und ein gutes menschliches Miteinander sind für mich die Grundvoraussetzungen für gute Fotos. Bevor ich mich zum Termin quälen muss und von vornherein klar ist, dass ich keine guten Bilder abliefern kann, sage ich ab.

Einen Auftrag absagen

Wie man einen Auftrag absagt

Bleibt nun die Frage, wie man einen Auftrag am besten ablehnen sollte. Auch hier gibt es kein Patentrezept. Aber eins vorweg: Wenn ich keine Zeit habe, habe ich keine Zeit. Es kann immer vorkommen, dass Kunden für Termine anfragen, an denen du schon gebucht bist. Sagst du ab, weil du bereits einen anderen Auftrag hast, wird dir niemand böse sein. Ich versuche des Weiteren immer – egal wie sehr mich mein Gegenüber auch nerven mag – gewisse Umgangsformen zu behalten und Höflichkeitsregeln zu befolgen.

Zeitnah absagen

Mir ist es wichtig, den Kunden zeitnah über meine Entscheidung zu informieren. Es bringt gar nichts, wenn du die Absage auf die lange Bank schiebst. Es ist zudem fair, die Absage möglichst schnell auszusprechen, denn so hat der Kunde noch Zeit, sich einen anderen Fotografen zu suchen.

Selbstbewusst und höflich absagen

Auch wenn es mir manchmal schwer fällt und ich mir dann selbst auf die Lippen beißen muss, ein „ich lehne den Auftrag ab, weil ich Sie echt richtig doof finde“, sollte man dringend vermeiden. Gegen eine Priese selbstbewusste Ehrlichkeit in der Absage ist allerdings nichts einzuwenden, man muss sie nur höflich verpacken. Floskeln wie „ich kann Ihren Vorstellungen nicht entsprechen“, „wir haben unterschiedliche Vorstellungen von meiner Arbeit“ oder „wir haben scheinbar keine gemeinsame Basis“ sind ehrlich, selbstbewusst und dennoch höflich formuliert.

Du musst dich mit der Absage und der Begründung darin wohlfühlen. Bedenke aber immer, dass du einen Ruf hast und den solltest du dir bewahren. Daher: höflich bleiben!

Alternativen anbieten

Die vermutlich beste Art die Absage zu beenden ist, wenn du dem Kunden einen Kollegen empfiehlst. Passt der Auftrag beispielsweise nicht in dein Portfolio oder die künstlerische Umsetzung passt nicht zu deiner Arbeitsweise, dann prüfe dein Netzwerk. Vielleicht kennst du eine Fotografin oder einen Fotografen, der genau solche Bilder gern und gut macht. Frage ihn oder sie ob du die Kontaktdaten an den Kunden weitergeben darfst. So tust du nicht nur etwas für dein mentales Wohl, sondern verhilfst einem Kollegen womöglich auch noch zu einem Job.

Mit einem „Nein“ geht’s einem manchmal besser

Fotografie ist keine Fließbandarbeit. Jeder Kunde und jeder Auftrag ist individuell. Aber eins bleibt immer gleich: Mein Anspruch an mich und meine Bilder. Merke ich, dass meine Arbeit und meine Stimmung beim Shooting unter den gegebenen, zwischenmenschlichen Voraussetzungen leiden werden, sage ich den Auftrag ab. Ich möchte einfach keine Bilder abliefern, mit denen ich selbst nicht zufrieden bin.

Und ich möchte mich auch nicht mit Kunden rumschlagen müssen, die mir meine Energie rauben. Es gibt dafür einfach zu viele andere Menschen, die mir genau dieselbe Energie auch wieder entgegen bringen. Daher glaube ich, dass man als Dienstleister und Fotograf an einem „Nein“ aus Überzeugung wächst. Ich möchte mir die Freude, Motivation und Kreativität meiner Arbeit erhalten und möchte auch, dass meine Kunden Freude, Motivation und Kreativität in meinen Bildern sehen.

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