So stellst Du den Weißabgleich an Deiner Kamera ein

Das linke Bild enthält zu viel blau, das rechte Bild zu viel gelb!

Jedes Licht erzeugt seine eigene Stimmung. Kerzenschein und Sonnenuntergänge tauchen die Welt in ein warmes, rötliches Licht. LED-Lampen oder Nebel verbreiten dagegen einen kühlen, bläulichen Schein. Diese Wirkung kann auf einem Foto wünschenswert sein, aber auch zum Störfaktor werden. Wenn der weiße Schnee wie gelber Sand wirkt oder die gelbe Blume aufgrund eines kalten Lichts zur Grünpflanze wird, irritiert das den Betrachter. Warum unterscheiden sich Realität und Foto hier so fundamental? Das Problem entsteht – ganz einfach erklärt – aus einem einzigen Grund: Unser Hirn vervollständigt das, was wir sehen. Wir wissen, dass der Schnee weiß ist und definieren ihn auch bei einem goldenen Sonnenuntergang als eine weiße Masse. Kameras sind inzwischen zwar technisch hochentwickelte Geräte – denken können sie aber leider noch nicht. Deshalb müssen wir mithilfe der richtigen Kameraeinstellung das Denken übernehmen.

Der wichtige Weißabgleich – Licht ist nicht gleich Licht

Einige physikalische Grundkenntnisse sind immer gut, wenn man ein Problem gezielt angehen will. Bei der Fotografie wird in Verbindung mit dem Weißabgleich von den Kelvin-Werten gesprochen. William Thorsen aus Irland war Physiker und wurde später zu Lord Kelvin ernannt. Er beschäftigte sich unter anderem mit Temperatur- und Wärmeskalen. Im Alter von nur 24 Jahren entwickelte er die thermodynamische Temperaturskala, die mit dem absoluten Nullpunkt beginnt. Mit der Kelvin-Einheit wird heute deshalb auch die Farbtemperatur gemessen. Sie reicht von 1000 Kelvin (sehr warmes Licht) über den Bereich 3300 Kelvin – 5300 Kelvin (neutralweißes Licht) bis zu 12000 Kelvin (kaltes Licht).

Die Kamera korrekt einstellen – die drei Möglichkeiten

Die automatische Einstellung

Am einfachsten ist es natürlich, den Weißabgleich der Kamera einfach auf „Automatik“ zu stellen. Die Kamera sucht sich dann den hellsten Punkt und definiert ihn als Weiß. Leider kann sie ja weder denken oder fühlen. Die Kamera hat einfach keine Ahnung, welcher helle Punkt auch in der Realität weiß ist. Deshalb kommt es bei der Automatik-Einstellung oft zu Fehlern.

Halbautomatische Möglichkeiten

Wesentlich sicherer ist die Halbautomatik. Je nach Kamera-Modell kannst Du unter verschiedenen Lichtquellen wählen und Tageslicht, bewölkter Himmel, Kunstlicht oder Schatten einstellen. Manche Kameras haben auch „Winter“ und „Sommer“ und noch einige andere Punkte im Angebot.

Manuelles Einstellen

Gute Kameras haben für den Weißabgleich den Menü-Punkt „Farbtemperatur auswählen“. Wenn Du dich auf der Kelvin-Skala gut auskennst, kannst Du die Werte korrekt einstellen und beispielsweise für ein Foto an einem sonnigen Tag 5500 Kelvin (neutraler Mittelwert) wählen. Du kannst auch mit dem Weißabgleich spielen und ihn bewusst höher oder niedriger einstellen und damit erwünschte Effekte erzielen.

Tipp: Du musst umgekehrt denken! Wenn Du kühles Licht einfangen willst, musst Du einen niedrigen Kelvin-Wert wählen, obwohl der niedrige Kelvin-Wert eigentlich für warmes Licht steht. Durch die niedrige Zahl „denkt“ die Kamera, sie müsse das warme Licht wegfiltern und erzeugt deshalb ein kühl wirkendes Foto. Umgekehrt führt eine hoher Kelvin-Wert zu einem warmen Licht auf deinem Foto.

Die Graukarte – ein Zaubermittel?

Weißabgleich an Deiner Nikon Spiegelreflexkamera einstellen

  1. Weißabgleich über WB-Taste gedrückt halten und Einstellungsrad so lange bewegen bis“Pre“ erscheint
  2. WB-Taste so lange gedrückt halten bis „Pre“ blinkt
  3. Graukarte formatfüllend beim zu fotografierenden Objekt/Person positionieren
  4. Einige Graukarten haben ein Fadenkreuz, das macht das fokussieren leichter
  5. Hat deine Graukarte kein mittiges Fadenkreuz wechsle kurz in manuelle Scharfstellung
  6. Bild machen
  7. Jetzt sollte im Display stehen okay
  8. Steht Error auf dem Display, schau auf die Lichtwaage, ISO-Wert, Blende und Verschlußzeit anpassen
  9. Nochmal Schritte 1-7 ausführen, bis okay erscheint

Graukarten sind so beschichtet, dass sie 17,68 Prozent des einfallenden Lichts reflektieren. Dieser Wert sorgt dafür, dass die Kamera das Grau immer korrekt darstellt, und das unabhängig vom Umgebungslicht. Wer vor dem eigentlichen Fotografieren die Graukarte ablichtet, kalibriert seine Kamera auf den richtigen Messwert. Allerdings sind Graukarten eigentlich nur in Innenräumen oder bei Nahaufnahmen sinnvoll. Wenn du Landschaften fotografieren willst, brauchst du keine Graukarte. In der freien Natur sind die Objekte meist weit entfernt, das Licht verändert sich außerdem ständig. Hier ist es besser, auf die Halbautomatik zu setzen und später am Computer mit dem Foto weiterzuarbeiten. Deshalb empfiehlt es sich auch immer, mit dem RAW-Format zu arbeiten. Das ermöglicht die nachträgliche Bearbeitung, während das JPG-Format aufgrund der geringeren Pixel schnell an seine Grenzen stößt.

Weißes Papier als Graukartenersatz

Besser ein weißes Blatt Papier als gar kein Weißabgleich. Jedoch sei davor gewarnt, dass einige Papierhersteller einen Aufheller im Papier verwenden. Bilder können daher einen Blaustich erhalten. Ein Taschentuch tut es auch, hier wird man wahrscheinlich weniger einen Aufheller vorfinden. Einen wirklichen Ersatz für die Graukarte gibt es nicht. Wem diese zu sperrig ist, es gibt bereits faltbare Graukarten.

Farbwiedergabe des Monitors nicht vergessen

Ein perfekt durchgeführter Weißabgleich bringt wenig, wenn der Monitor falsch kalibriert ist und die Farben falsch wiedergibt. Deswegen empfehle ich Dir diesen ebenfalls zu justieren und die Farben anzupassen. Ich nutze dafür den Spyder5PRO von Datacolor.

Der Weißabgleich ging daneben – was nun?

Es ist nicht schwierig, mit Photoshop oder Lightroom den Weißabgleich nachträglich abzuändern. Vor allem beim RAW-Format kann die Funktion „Farbabgleich“ nachträglich bewusst eingesetzt werden. Du kannst mit der Pipette einen weißen Punkt auf dem Foto suchen und damit den Weißabgleich korrigieren. Wer ein zu kühles oder zu warmes Bild aufgenommen hat, kann hier noch regulieren – oder auch etwas schummeln, und die Stimmung eines Bildes nachträglich verstärken oder abschwächen. Wie bei allen Dingen heißt es auch beim Weißabgleich: Übung macht den Meister.

Tipp: Um die Wirkung des Kelvin-Wertes genau zu erforschen, kannst du das gleiche Motiv mit verschiedenen Einstellungen fotografieren oder bei der gleichen Einstellung und dem gleichen Motiv unterschiedliche Lichtquellen benutzen.

Weißabgleich – zwischen Kitsch und Kunst

Wer in der Produktfotografie oder mit Portraits arbeitet, wird mit dem Weißabgleich ganz anders und wesentlich korrekter umgehen als ein Landschaftsfotograf. Gerade in der Landschaftsfotografie kann ein „falscher“ Weißabgleich die richtige Stimmung vermitteln. Die eisige Kälte eines Wintertages wird durch blaues Licht verstärkt, die romantische Stimmung eines Sonnenuntergangs ruft nach einem warmen Licht. Es ist natürlich verführerisch, mit den verschiedenen Möglichkeiten zu spielen. Leider wird hier auch manchmal übertrieben. Könner wissen, wo die Grenze zwischen Kunst und Kitsch zu ziehen ist und überschreiten sie nicht – oder zumindest nur ganz vorsichtig!

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