Die Wahl des richtigen Portraitobjektivs

Portraitobjektiv kaufen

Was ist das beste Portraitobjektiv? Wenn Du bereits ein bisschen im Netz gestöbert hast, wirst Du häufig vom 85mm als dem gängigsten gelesen haben. Bevor Du Dich jetzt für den Kauf entscheidest, solltest Du Dir dennoch die Frage stellen, was für Portraitbilder Du eigentlich machen möchtest. Für Reportageaufnahmen mit einem größeren, die Person umgebenen Umfeld, können ein 35mm oder 50mm besser geeignet sein. Möchtest Du eine Person vom Hintergrund trennen und ein weiches Bokeh* erzeugen, ist eine längere Brennweite besser. Du siehst, bereits hier gibt es keine eindeutige Antwort, welches Objektiv für die Portraitfotografie am geeignetsten ist. Ich bevorzugte das 85mm F/1.8D. Informationen zu diesem Objektiv und meine gemachten Erfahrungen liest Du in dem nachfolgenden Artikel.

*Kommt aus dem Japanischem und wird „boke“ ausgesprochen und heißt: „unscharf, verschwommen“. Für die nachfolgend in Klammern gesetzte Zahlen, steht am Ende des Artikels die Quellenangabe dazu.

Bessere Bildqualität mit Festbrennweiten

Festbrennweiten liegen normalerweise gegenüber Zoomobjektiven hinsichtlich der Bildqualität vorne. Mit einer Festbrennweite kannst Du mit sehr großen Blendenöffnungen fotografieren und sind somit für die Low-Light Fotografie (wenig Licht: Kamera wird an die Grenzen in Sachen ISO und Verschlusszeit geführt) prädestiniert. Aber zunächst finde ich interessant, wie sich die Fotografie und damit das Erfinden der Objektive in den Jahrzehnten entwickelt haben. Dazu ein kleiner Abstecher in die Vergangenheit.

Der Erfinder der Portraitlinse

Joseph Petzval (4) wurde geboren am 6. Januar 1807 in Zipser Bela in Ungarn (heute Slowakei) und verstarb am 17. September 1891 im Alter von 84 Jahren in der österreichischen Hauptstadt Wien. Als Erfinder, Mathematiker und Erfinder veröffentlichte er viele Arbeiten, daneben auch das Opernglas und die Petzval Portrait Linse. Die Portrait Festbrenntweite von 150 mm entwickelte er 1840. Die Blende lag zwischen F/3.3 und 3.7. Mit einem solchen Objektiv ist es nicht verwunderlich, warum bereits damals Fotografen gute Portraits erstellen konnten. Seit 2013 ist Petzval Objektiv in einer beeindruckenden Neuauflage Dank eines Kickstarter Projekts wieder verfügbar. Das Objektiv kann an Canon EF und Nikon F Systemen genutzt werden. Weitere Informationen findest Du direkt auf der Homepage „Lomography„:  (5)

Zuordnung der Portraitobjektive

Eigentlich gibt es keine eigenständige Objektivart, dem das Portraitobjektiv zugeordnet werden kann. Welches Objektiv am besten geeignet ist, ist zunächst ein subjektives Empfinden. Dennoch sollte es lichtstark sein und im mittleren Brennweitenbereich liegen. Diese Eigenschaften grenzen die in Frage kommenden Objektive etwas ein. Halbformatkameras (APS-C – Cropfaktor (Brennweitenverlängerungsfaktor)) werden ab 50mm aufwärts empfohlen und bei Vollformatkameras ab 70mm. In den gängigen Onlineshops wie Amazon findest Du beispielsweise die Kategorie „Portraitobjektive“, in der Du dann aber von Weitwinkel bis hin zu Telezooms alles findest. Diese Kategorie kannst Du also getrost ignorieren.

bewusster fotografieren

Bewusster fotografieren mit einer Festbrennweite

Alles hat seine Vor- und Nachteile. Mit einem Zoomobjektiv kannst Du den Abstand variieren, ohne Dich großartig bewegen zu müssen. Mit einer Festbrennweite musst Du dich bewegen. Je nach gewünschter Bildaussage musst du also den Abstand zur Person vergrößern oder verringern. Meiner Meinung nach, fotografierst Du bewusster, wenn Du dich mehr bewegst, Perspektiven und Abstände variierst.

Den Blick des Betrachters lenken

Mit dem 85mm F/1.8. kann der Blick des Betrachters mehr auf die Person gelenkt werden. Warum ist das so? Ein unscharfer Hintergrund entsteht:

  • je geringer der Abstand zur Person
  • je weiter der Abstand zum Hintergrund
  •  je länger die Brennweite
  • je kleiner die Blende

Größere Brennweite = Sympathischerer Gesichtsausdruck

Einer amerikanischen Studie nach sollen Psychologen (1) herausgefunden haben, dass sich mit dem Abstand zur Person der Gesichtsausdruck verändert. Die Probanden fühlten sich unwohl je näher eine Person kam.

In wenigen Millisekunden entscheidet unser Unterbewusstsein, ob wir unseren gegenüber sympathisch oder unsympathisch finden. Nicht vertrauenserweckend soll beispielsweise ein Gesicht rüberkommen, wenn es eine Nahaufnahme ist. Möchtest Du also diese Charaktereigenschaft erzeugen wollen, solltest Du dich nicht zu nah fotografieren lassen.

Anhand durchgeführter Tests gelangten die Wissenschaftler zu folgendem Ergebnis: Kommt die Kamera zu nah ans Gesicht, bewerten Außenstehende die Person als weniger kompetent, als nicht so attraktiv und weniger vertrauenswürdig. Der Effekt wird verursacht durch eine leichte perspektivische Verzerrung des Gesichts. Diese kleine Verzerrung reicht aus, um den Betrachtern ein ungutes Gefühl zu geben und suggeriert, die Person auf dem Bild dringe in die eigene Privatsphäre ein.

Jeder von uns hat seinen eigenen definierten Persönlichkeitsfreiraum (Intimbereich). Einfaches Beispiel: Du stehst an der Kasse und die nachfolgende Person tritt so nah an Dich heran, dass Du den Atem im Nacken spüren kannst. Du fühlst Dich unwohl und das spiegelt sich in Deinem Gesicht wieder. Auf die Fotografie übertragen heißt das, je näher der Fotograf an die Person herankommt, desto unwohler fühlt sie sich. Fremde Personen in einem Umkreis von 40-60 cm lösen Unbehagen aus.

Im Endergebnis der Studie kamen die Personen weniger sympathisch und nicht so vertrauenerweckend rüber, wenn der Fotograf in diesen Intimbereich eingedrungen ist. (Eine gelungene Portraitaufnahme ist vor diesem Hintergrund folglich eher die Ausnahme.)

Sympathischer Gesichtsausdruck

Gesichtsdeformation mit Weitwinkelobjektiven

Je näher Du mit einem Weitwinkel einer Person kommst, desto größer ist die perspektivische Verzerrung. Die Nase wirkt riesig, die Gesichtszüge wirken stark deformiert. Wieder ein Grund mehr einen mittleren Brennweitenbereich zu wählen. Die Normalfestbrennweite fängt bei 50mm. Diese sollen in etwa dem Augeneindruck am ähnlichsten sein.

Einsatz bei der Portrait- und Hochzeitsfotografie

Da ich sehr viel im Portraitbereich fotografiere, muss ich gar nicht so häufig das Objektiv wechseln. Aufgrund der geringen Raumtiefe in meinem Fotostudio oder in sonstigen kleinen Räumen mit geringem Platzangebot, muss ich auf ein 50mm Objektiv wechseln, um eine Person in Gänze abbilden zu können. Bei Hochzeiten verwende ich das 24-70mm F/2.8. Besondere Momente auf Hochzeiten sind einfach viel zu schnell vorbei, als das ich immer wieder vor- und zurücklaufen könnte, um die gewünschte Bildaussage zu erzielen. In Photoshop lässt sich im Camera Raw eine Objektivkorrektur bei einer Weitwinkelaufnahme vornehmen, umso eine perspektivische Verzerrung zu korrigieren.

Technische Details des Nikon AF Nikkor 85mm 1:1,8D Objektiv

Das 85mm von Nikon ist ein handliches kleines Portraitobjektiv. Das Objektiv ist sowohl manuell als auch mit allen gängigen Autofokus (AF) –Kameras verwendbar. Das Objektiv hat eine Hintergliedfokussierung (Rear Focusing). Das heißt, alle Linsen werden in bestimmte Linsengruppen aufgeteilt; nur die hintere Linsengruppe ist zur Fokussierung beweglich. Das ermöglicht ein schnelles automatisches Scharfstellen. Um eine verbesserte Leistung und Phantombilder bei Gegenlichtbildern zu reduzieren, wird eine Objektivmehrfachbeschichtung der Objektivelemente verwendet.

Technische Daten (3):

  • Aufbau des Objektivs: 6 Linsen in 6 Gruppen
  • Naheinstellgrenze: 0,85 m
  • Bildwinkel bei Nikon-DX Format: entsprechend 127,5 mm bei Kleinbild
  • Filteransatzdurchmesser: 62 mm
  • Gegenlichtblende: HN-23
  • Abmessungen: 71,5 x 58 mm
  • Gewicht: 380g

Abbildungsleistung des 85mm F/1.8D Objektivs

Bei geringem Abstand (um die 3 Meter) muss beim 85mm F/1.8D eine Blende weiter abgeblendet werden (2). Abblenden heißt, weniger Licht auf den Sensor treffen zu lassen. Dies erreichst Du, indem Du die Blende um ein bis zwei Blendenstufen schließt. Zum Beispiel von zwei auf vier. Da gegenüber dem neueren Modell (85mm F/1.8G) der Kontrast und die Schärfe etwas geringer ausfallen, kannst Du durch das Abblenden diese Schwäche etwas ausgleichen. Mit zunehmendem Abstand zur Person relativiert sich dieser Unterschied etwas.

Das Bokeh des 85mm F/1.8D ist zwar weich, aber nicht butterweich und hat eine leichte Unruhe. Aber ich kann damit leben und auf Bildern auf denen es mich zu sehr stört, passe ich den Hintergrund etwas an (Unscharf zeichnen – Einsatz vom „Gaußschen Weichzeichner“ in Photoshop). Am Rand fällt die Abbildungsleistung schwächer aus, so dass es sich empfiehlt das Motiv nicht zu nah an den Rand zu setzen.

Eventfotografie

50mm F/1.8 für die Eventfotografie

Auch 50er Objektive sind sehr gut und sehr lichtstark. Ich habe mit einem solchen einen kompletten Event zwei Tage lang fotografiert. Natürlich musste ich je nach Bildaussage viel laufen, um den gewünschten Bildausschnitt festzuhalten. Wie gesagt, es kommt darauf an, in welchen Bereichen Du überwiegend das Objektiv zum Einsatz bringen möchtest.

Fazit: Ein gutes, lichtstarkes Objektiv ist für die Bildqualität enorm wichtig. Sie sind ausschlaggebend dafür, wie das Licht auf den Sensor trifft und sich damit je nach Objektivart auf die Stimmung Deines Bildes auswirkt. Das 85mm F/1.8 ist ein optimaler Mittelweg: Du bist nicht zu nah an der Person, aber auch nicht zu weit weg, so dass die Verständigung schwerer ausfallen könnte. Dazu kannst Du mit dem Objektiv wunderbar freistellen und die Person wird sehr realitätsnah dargestellt.

Vielleicht hast Du in Deinem Bekanntenkreis jemanden, der mit demselben Kamerasystem fotografiert und der bereits einige Festbrennweiten besitzt, die Du testen kannst. Eine weitere Option ist, sich derartige Objektive gleich für mehrere Tage zu leihen, um das Handling, Haptik und die Performance zu testen.

Meine Empfehlung: Erfahrungsberichte zu lesen ist ein guter Anhaltspunkt, aber anhand seiner eigenen Anforderungen und Bedürfnisse zu testen, sichert Deinen Objektiv-Kauf noch einmal ab und bewahrt Dich gegebenenfalls vor einer Fehlinvestition.

Als letzter Tipp:

Zu guter Letzt ist natürlich auch ein Besuch beim Fachhändler Deines Vertrauens beziehungsweise in Deiner Nähe: Wie zum Beispiel Calumet Photographic in Hamburg (6). Von denen habe ich bisher nur Gutes gehört. Wer also aus der Nähe von Hamburg kommt und sich ein neues Objektiv zulegen möchte, hat aufgrund des kompetenten Personals und der weitläufigen Verkaufsfläche genügend Möglichkeiten ein Objektiv im praktischen Einsatz zu testen.

Quellen:

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