Es ist eine der häufigsten E-Mails in meinem Postfach: „Hallo André, ich liebe das Fotografieren und würde gerne ein Praktikum bei dir machen.“ Jedes Mal, wenn ich diese Zeilen lese, freue ich mich über das Interesse an diesem wunderbaren Beruf. Es erinnert mich an meine eigenen Anfänge und die Begeisterung, die man spürt, wenn man anfängt zu fotografieren und die ersten Bilder macht.
Doch so gerne ich mein Wissen teile – wie du vielleicht bereits an der Vielzahl meiner Artikel hier auf meiner Webseite bemerkt hast oder anhand der Videos auf meinem YouTube-Kanal –, so schwierig ist das Thema Praktikum in der Realität eines Solo-Selbstständigen. In diesem Artikel möchte ich dir erklären, was ein gutes Praktikum eigentlich ausmacht, was es einem bringen sollte und warum ich mich schweren Herzens dazu entschieden habe, derzeit keine Praktikumsplätze anzubieten.

Was ist eigentlich der Sinn eines Praktikums?
Seiteninhalt
- Was ist eigentlich der Sinn eines Praktikums?
- 1. Orientierung finden
- 2. Das Fotografie-Handwerk verstehen
- 3. Netzwerk- und Sozialkompetenz
- Die Realität: Warum das „Solo“ in Solo-Selbstständiger entscheidend ist
- Zeit ist das wertvollste Gut
- Die Qualität gegenüber dem Kunden
- Versicherung und Rechtliches
- Die Kunst des Handwerks: Man kann es nicht „nebenbei“ erklären
- Was ihr stattdessen tun könnt (mein Rat an alle Suchenden)
- Fazit: Eine Frage der Wertschätzung
Ein Praktikum ist weit mehr als nur ein kurzes ‚Über-die-Schulter-Schauen‘. Es ist die erste Brücke zwischen der Theorie (oder dem bloßen Hobby) und der harten beruflichen Realität. Es besteht ein gewaltiger Unterschied darin, ob man nur für sich fotografiert oder täglich auf Knopfdruck abliefern muss. Das hat viel mit Belastbarkeit und Druck zu tun – eine Herausforderung, für die nicht jeder gemacht ist. In einem Praktikum sollte man genau das erfahren: Halte ich es aus, wenn alles von diesem einen Moment abhängt?
1. Orientierung finden
Viele junge Menschen haben ein romantisiertes Bild vom Fotografenberuf. Sie sehen die tollen Bilder auf Instagram, die Reisen und die Arbeit mit Menschen. Ein Praktikum sollte aber realistisch aufzeigen, was sich in Wirklichkeit alles hinter diesem Beruf verbirgt. Die Liste der Aufgaben, die anfallen, bevor und nachdem der Auslöser gedrückt wurde, ist lang – und oft entscheidend für das Überleben als Selbstständiger:
- Kundenakquise & Beratung: Ohne Aufträge keine Bilder. Das bedeutet: E-Mails schreiben und beantworten, Telefonate führen und Vorgespräche im Studio führen, um Vertrauen aufzubauen, wie zum Beispiel bei einem Hochzeitsvorgespräch.
- Marketing & Social Media: Wer nicht sichtbar ist, bekommt keine Aufträge. Die Pflege von Instagram, Facebook und Co. ist ein Fulltime-Job für sich. Mein Hauptaugenmerk ist auf meine Webseite gerichtet. Social Media wirklich nur sporadisch. YouTube mal mehr, mal weniger, je nachdem, ob es meine Zeit zulässt.
- Webseitenpflege & SEO: Damit meine Artikel (wie dieser hier) gefunden werden, muss man Grundwissen von der Suchmaschinenoptimierung haben und alles, was damit zusammenhängt. Wie die Werbung einen oft vorgaukelt, mit ein paar wenigen Klicks sei eine Webseite erstellt, ist vollkommener Quatsch. Was eine Webseite haben muss, sind relevante Mehrwerte. Eine Lösung für ein Problem, Antworten auf Fragen und so viel mehr.
- Buchhaltung & Steuern: Rechnungen schreiben, Mahnwesen, Belege sortieren und die Kommunikation mit dem Steuerberater – das ist der Teil, den niemand gerne macht, aber der sein muss, um später keine bösen Überraschungen zu erleben in Form einer Nachzahlung ans Finanzamt.
- Bildauswahl & Bildbearbeitung: Für jede Stunde Shooting sitze ich oft drei Stunden am Rechner. Das Sichten von tausenden Bildern und die Bildbearbeitung gehen oft bis tief in die Nacht.
- Technik-Wartung: Kameras reinigen, Objektive checken, Backups sichern (ein extrem wichtiges Thema!) und alles drumherum am Laufen halten.
- Weitere Fortbildungen: Die Technik und die KI-Entwicklung (wie wir sie gerade erleben) rasen voran. Wer sich hier nicht informiert, lernt und ausprobiert, ist in wenigen Jahren schlimmstenfalls weg vom Fenster.
Ein Praktikum dient dazu, herauszufinden: „Will ich das wirklich jeden Tag machen?“ Will ich auch dann noch Fotograf werden, wenn ich den dritten Belegordner für den Steuerberater sortiere oder um 2 Uhr nachts eine Hochzeit bearbeite?

2. Das Fotografie-Handwerk verstehen
Fotografieren ist Handwerk, und wie jedes Handwerk erfordert es Übung und Anleitung. Es geht um Lichtführung, die Beherrschung der Kameratechnik und – was oft unterschätzt wird – den psychologisch richtigen Umgang mit Menschen. In einem guten Praktikum sollte man die Chance bekommen, genau das unter Anleitung zu üben. Ein Praktikant ist bei mir kein billiger Assistent zum Kaffeekochen, sondern ein Lernender, der die Komplexität dieses Berufs verstehen soll. Doch zur Meisterschaft gehört noch eine weitere, unsichtbare Komponente, über die ich erst kürzlich ausführlich geschrieben habe: die Empathie. In meinem Artikel „Bessere Fotos durch Empathie“ erkläre ich, warum das feine Gespür für die Situation oft wichtiger ist als die teuerste Linse.
Ein Praktikant sollte also nicht nur lernen, wie man die Blende oder Verschlusszeit einstellt, sondern auch, wie man die Stimmung eines Kunden liest. Diese emotionale Intelligenz ist es, die einen Dienstleister von einem echten Begleiter unterscheidet. Es braucht Zeit und Erfahrung, um diese Sensibilität zu entwickeln – und genau diese intensive Begleitung ist es, die ich als Solo-Selbstständiger im Moment zeitlich nicht leisten kann, ohne dass die Qualität meiner eigenen Arbeit darunter leidet. Dazu unter dem Punkt Qualität gegenüber meinen Kunden mehr.
3. Netzwerk- und Sozialkompetenz
Man lernt, wie man mit Kunden kommuniziert – besonders in sensiblen Momenten wie einer Hochzeit. Wie verhält man sich im Standesamt? Wie bricht man das Eis bei einem Business-Shooting, wenn ein Kunde unsicher und nervös ist? Das lernt man nicht aus Büchern, sondern nur in der Praxis.
Die Realität: Warum das „Solo“ in Solo-Selbstständiger entscheidend ist
Warum sage ich also ab, wenn der Beruf doch so toll ist und ich so viel zu erzählen habe? Die Antwort liegt in der Struktur meines Unternehmens.
Zeit ist das wertvollste Gut
Wie ich bereits in meinem Artikel über die Arbeitszeiten eines Fotografen geschrieben habe, ist eine 80-Stunden-Woche bei mir keine Seltenheit. Wenn ich jemanden für ein Praktikum aufnehme, habe ich die moralische und fachliche Verantwortung, dieser Person zu vermitteln, was es heißt, sich mit Herz und Seele diesem Beruf zu verschreiben.
Ein Praktikant kostet – so hart es klingt – erst einmal Zeit. Man muss Abläufe erklären, Ergebnisse kontrollieren und Feedback geben. Als Einzelunternehmer bin ich Fotograf, Bildbearbeiter, Marketing-Manager, Buchhalter und Content-Creator in einem. Jede Stunde, die ich in die Anleitung eines Praktikanten stecken würde, fehlt mir an anderer Stelle – beim Sichten der Bilder oder beim Beantworten eurer Anfragen.

Die Qualität gegenüber dem Kunden
Wenn ich eine Hochzeit begleite, buchen mich die Paare für meinen Stil, meine Diskretion und meine persönliche Art. Ich bin dort oft wie ein „Freund der Familie“. Eine zusätzliche Person dabei zu haben, verändert die Dynamik. Ich müsste den Fokus von den besonderen Momenten des Paares abziehen, um dem Praktikanten zu erklären, warum ich gerade dieses Objektiv verwende oder warum wir von der Mittagssonne in den Schatten gewechselt sind Das wäre gegenüber meinen Kunden nicht fair, die zu 100 % den Hochzeitsfotografen André Leisner bezahlen.
Versicherung und Rechtliches
Auch die bürokratische Hürde ist für einen Einzelkämpfer hoch. Versicherungen, Berufsgenossenschaft, Datenschutz (DSGVO) – all das muss geregelt sein, sobald eine zweite Person Zugang zu Kundendaten oder den Produktionen hat. Für große Studios mit Angestellten ist das sicherlich reine Routine, für mich ist es ein zusätzlicher administrativer Aufwand, der auch wieder Zeit kostet.
Die Kunst des Handwerks: Man kann es nicht „nebenbei“ erklären
Nun mögen manche denken, ein Praktikant läuft doch einfach so mit und lernt durch Zusehen. Aber das Handwerk der Fotografie ist komplex. In meinem Studio in Lübeck arbeite ich oft mit künstlichem Licht, setze Blitze entfesselt ein oder nutze bestimmte Bildbearbeitungstechniken am Rechner.
Um das wirklich zu vermitteln, muss man sich hinsetzen und es jemandem in Ruhe erklären. Man muss den Praktikanten selbst die Kamera in die Hand geben und Fehler machen lassen. Nur so lernt man. Wenn ich diese Zeit nicht habe, würde der Praktikant am Ende nur danebenstehen und sich langweilen. Das wäre weder für ihn noch für mich befriedigend. Ich möchte niemanden als „Taschenträger“ oder „Kaffeekocher“ abstempeln – dafür ist mir die Ausbildung junger Talente zu wichtig.
Was ihr stattdessen tun könnt (mein Rat an alle Suchenden)
Nur weil ich keinen Platz anbiete, heißt das nicht, dass ihr euren Traum aufgeben sollt. Wenn ihr wirklich in die Fotografie einsteigen wollt, habe ich hier ein paar Tipps:
- Sucht euch größere Studios: Studios mit mehreren Angestellten haben oft etablierte Strukturen für Praktikanten und Azubis. Dort ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass sich wirklich jemand die Zeit für euch nimmt.
- Nutzt das Internet – aber richtig: Lest Blogs (wie diesen hier!), schaut euch Tutorials an und – das Wichtigste – fotografiert selbst. Sucht euch Freunde, die als Models herhalten, geht raus an den Strand, auf dem Priwall zum Beispiel, und experimentiert mit dem zur Verfügung stehenden Licht.
- Workshops besuchen: Viele Fotografen bieten gezielte Workshops an. Dort bezahlt ihr zwar für das Wissen, bekommt aber in wenigen Tagen komprimiert das beigebracht, was ihr in einem „Mitlauf-Praktikum“ vielleicht in Wochen nicht lernen würdet. Workshops biete ich auch an, aber das hat dann weniger was mit einem Schülerpraktikum zu tun.
- Seid hartnäckig, aber vorbereitet: Wenn ihr einen Solo-Selbstständigen anfragt, zeigt, dass ihr euch mit seiner Arbeit beschäftigt habt. Eine Standard-Mail wird wahrscheinlich von manchen ignoriert. Eine E-Mail, in der ihr auf einen speziellen Artikel oder ein Bild eingeht, bleibt im Gedächtnis – auch wenn es am Ende eine Absage gibt. Leider erhalte ich sehr häufig Copy/Paste-Anfragen. Dennoch beantworte ich jede einzelne E-Mail.
Fazit: Eine Frage der Wertschätzung
Dass ich keine Praktikanten annehme, ist keine Entscheidung gegen den Nachwuchs, sondern eine Entscheidung für die Qualität. Ich schätze mein Handwerk so sehr, dass ich es entweder richtig oder gar nicht vermitteln möchte. „Halbe Sachen“ gibt es bei mir nicht – weder bei meinen Bildern noch bei der Weitergabe von Wissen.
Mein Beruf ist wunderbar, und ich liebe jede der 80 Stunden in der Woche. Aber genau diese Liebe zum Detail und die Hingabe für meine Kunden sorgen dafür, dass ich (noch) ein einsamer Wolf in meinem Studio bleibe.
Vielleicht ändert sich das irgendwann, wenn mein Team wächst. Bis dahin teile ich mein Wissen weiterhin hier in diesem Blog mit euch – völlig kostenlos und für jeden zugänglich.
Euer André
